Rede des
Parlamentarischen Staatssekretärs
Siegmar
Mosdorf
„Deutschland
und das Internet: Ein globales Medium aus der Sicht eines Nationalstaates“
aus Anlaß
der Eröffnung des Workshops
„ICANN im
Spannungsfeld zwischen Politik, Wirtschaft und Kultur“
am 30.
April 2000
in Leipzig
Es gilt
das gesprochene Wort.
Sehr
geehrte Damen und Herren,
es ist mir
- ohne jede Übertreibung - ein besonderes Anliegen, Sie heute zu dieser
Veranstaltung begrüßen zu dürfen.
Es kann
kein Zweifel daran bestehen, daß es sich beim Internet um die zentrale
technische Infrastruktur auf unserem Weg in die Informationsgesellschaft
handelt.
Dies gilt
zum einen für die enormen wirtschaftlichen Potentiale im Rahmen des Electronic Commerce, die es in
Deutschland und Europa konsequent zu nutzen gilt.
Mit dem
Aktionsprogramm "Innovation und Arbeitsplätze in der
Informationsgesellschaft des 21. Jahrhunderts" hat diese Regierung auf der
nationalen Ebene hierzu rasch die politischen Weichenstellungen vorgenommen.
Und die
Umsetzungsphase hat mit der "D21"-Initiative und in diesem
Zusammenhang etwa auch mit der Einzelmaßnahme "Internet für alle"
bereits konstruktiv begonnen.
Bewährte
Projekte wie die Kompetenzzentren für den elektronischen Geschäftsverkehr, mit
denen vor allem die kleinen und mittleren Unternehmen an die Entwicklung
herangeführt werden sollen, werden konsequent fortgeführt.
Welchen
Stellenwert das Thema im Rahmen der europäischen Zusammenarbeit mittlerweile
einnimmt, ist auf dem Sondergipfel der EU-Mitgliedstaaten zu
Beschäftigungsfragen vergangene Woche in Lissabon einmal mehr deutlich
geworden.
Und
bereits im nächsten Monat wird es ein europäisches Ministertreffen speziell zu
Europas Weg in die Informationsgesellschaft geben.
In
Zusammenhang mit dem Internet wird vielfach aber immer noch übersehen, daß der
dadurch ausgelöste Veränderungsprozeß nicht nur eine ökonomische, sondern eine
weit darüber hinausgehende gesamtgesellschaftliche Bedeutung von historischen
Dimensionen aufweist.
Denn das
Internet wird die Art und Weise der Kommunikation in allen Lebensbereichen
nachhaltig beeinflussen.
Das
Bildungssystem und das Verhältnis zwischen Bürger und Verwaltung sind dafür nur
zwei Beispiele.
Im
Hinblick auf die faszinierenden, schier unüberschaubaren Anwendungspotentiale
ist es kein Wunder, daß die Frage nach den technischen und organisatorischen
Aspekten der zugrundeliegenden Infrastruktur oftmals in den Hintergrund gerät.
Obwohl die
in diesem Zusammenhang getroffenen Entscheidungen unmittelbar auch auf die
Anwendungsseite durchschlagen.
Ohne eine
ausreichende Anzahl numerischer IP-Adressen wird die Anzahl der im Internet
erreichbaren Computer in absehbarer Zeit nicht weiter wachsen können.
Deshalb
muß die Diskussion über den Übergang auf IPv6 oder alternative Konzepte
offensiv geführt werden.
Ohne ein
funktionierendes Domain Name System wird sich der internationale
Internet-Handel nicht weiterentwickeln können.
Deshalb
benötigen wir stabile, an den Interessen der Anwender orientierte Regelungen
etwa zum Ausbau der generischen Top Level
Domains und dem Schutz von Marken und Namen.
Letztlich
geht es bei dem Thema Internet Governance
um die jeden einzelnen Internet-Nutzer unmittelbar angehende Frage?
Wer
„regiert“ eigentlich das Internet?
Wer
entscheidet, wo ich mich als Unternehmen anmelden muß, wenn ich im Cyberspace agieren möchte?
Wer
kontrolliert die Weiterentwicklung der technischen Parameter, die für eine
systemübergreifende Kommunikation aller Rechner von ausschlaggebender Bedeutung
sind?
Die Art
und Weise, wie dies zur Zeit geregelt wird, ist ebenso ungewöhnlich wie die
Entwicklungsgeschichte des Internet selbst.
Daß vor
dem Hintergrund der explodierenden Nutzerzahlen eine Reform der Internet Governance erforderlich sein
würde, war Mitte der 90er Jahre absehbar.
Das die
auf dem schon legendären White Paper
der US-Regierung beruhende, weltweit mit äußerster Leidenschaft geführte
Diskussion zur konkreten Ausgestaltung einer Internet-Dachorganisation trotz
der sehr unterschiedlichen Interessen letztlich ein Erfolg sein würde, schon
weniger.
Die Internet Corporation for Assigned Names and
Numbers ist dabei auch aus politischer Sicht ein historisches Novum:
Zum ersten
Mal liegt die Verantwortung für eine wichtige Zukunftsinfrastruktur prim„r in
den Händen einer privaten Organisation.
Es ist
kein Geheimnis, daß diese Tatsache nicht überall auf Begeisterung stößt,
teilweise sogar Ängste weckt.
Im Vorfeld
der ICANN-Gründung hatte es andere Konzepte gegeben, etwa in Richtung ITU, die
sich jedoch in der Internet Community
aus den verschiedensten Gründen nicht durchsetzen konnten.
Lassen sie
mich an dieser Stelle aber eines sagen:
Wer
glaubt, daß Regional Diversity über
internationale Regierungsorganisationen prinzipiell leichter zu erreichen sei,
verkennt die politischen Realitäten.
Und die
derzeitige Struktur des ICANN-Direktoriums läßt eine Dominanz einzelner
Regionen oder gar Staaten nicht erkennen.
Natürlich
können auch wir uns Veränderungen vorstellen.
So ist es
schließlich nicht in Stein gemeißelt, daß ICANN auf Dauer seinen Sitz in
Kalifornien haben muß.
Erst recht
nicht, daß aus diesem Umstand - etwa im Hinblick auf die At Large Membership, ich werde darauf noch zurückkommen -
Konsequenzen für die zukünftige Struktur der Organisation selbst erwachsen.
Die
Bundesregierung betrachtet den ICANN-Prozeß als interessantes demokratisches
Experiment.
Internet Governance ist nicht Sache der
Regierungen; die Herausbildung einer internationalen Selbstverwaltungsstruktur
wird von uns daher positiv bewertet.
Aufgrund
der zahlreichen, über rein technische Fragestellungen hinausgehenden
Implikationen werden wir – auch über den beratenden ICANN-Regierungsausschuß –
die Entwicklung aufmerksam begleiten.
Jetzt geht
es darum, den ICANN-Prozeß weiter zu stabilisieren und rasch die noch offenen
Probleme zu lösen.
Beginnen
möchte ich hierbei mit den anstehenden Wahlen der sogenannten At Large Membership, denn hier verspüren
wir den größten Zeitdruck.
Es ist
richtig und wichtig, daß die derzeit amtierenden, „handverlesenen“ Vertreter
der weltweiten Internet-Nutzer im ICANN-Direktorium durch gewählte
Repräsentanten ersetzt werden, um dem Board mehr demokratische Legitimation und
damit auch mehr Handlungsfähigkeit zu geben.
Ich denke
hier beispielsweise an die noch offenen Fragen zur ICANN-Finanzierung.
Insofern
entspricht es auch unserer Überzeugung, daß die Wählerschaft möglichst breit
definiert wird.
Das
Vorhandensein einer elektronischen sowie einer nachprüfbaren physischen Adresse
ist dabei sicherlich der bessere Weg als eine Verengung etwa auf die Inhaber
einer Website.
Erfreulicherweise
hat die auch von den EU-Mitgliedstaaten geäußerte Kritik an dem ursprünglich
vorgesehenen indirekten Wahlmodus bei der ICANN-Tagung in Kairo Früchte
getragen.
Denn zum
einen war es nicht hinnehmbar, daß die demokratischen Rechte von
Internet-Nutzern durch die Bestimmungen eines US-Bundesstaates zur
Mitgliedschaft in einer nicht-kommerziellen Organisation beschränkt werden.
Und zum
anderen eine Zwischeninstanz letztlich autonom die At Large-Vertreter im Direktorium bestimmt hätte.
Jetzt muß
es uns darum gehen, in Deutschland und Europa alle potentiellen Wähler, d. h.
nahezu alle Internet-Nutzer, über die Bedeutung der Wahlen zu informieren und
entsprechend zu mobilisieren.
Die
heutige Veranstaltung ist hierzu eine außerordentlich wichtige Gelegenheit.
Und ich
freue mich, daß es bereits in wenigen Wochen mit Unterstützung der
Bertelsmann-Stiftung eine weitere Veranstaltung speziell zu diesem Thema geben
wird.
Wichtig ist,
daß wir in der Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit für den durch die Region
Europa zu besetzenden Direktoriumsposten einen überzeugenden Kandidaten finden.
Warum
nicht aus Deutschland?
Lassen Sie
mich abschließend auf einige andere Einzelaspekte eingehen, denen wir von
Seiten der Bundesregierung besondere Bedeutung beimessen:
Die
wirtschaftlich besonders bedeutsame generische Top Level Domain ".com" entwickelt sich zunehmend zu
einem Flaschenhals.
Ein
bedachter Ausbau des Angebots an generischen Top Level Domains ist deshalb für
die Unternehmen von großer Bedeutung.
Die Domain Name Supporting Organization hat
dieses Problem bereits aufgegriffen.
Dabei
müssen wir jedoch darauf achten, daß es nicht zu einer bloßen Vermehrung der
unspezifischen Domains kommt, die weder für Anbieter noch Nachfrager einer
Leistung über das Internet mit einem konkreten Zusatznutzen verbunden sind.
Diskussions-
und Handlungsbedarf sehen wir auch im Bereich des Root Server Systems.
Auch wenn
die Position von NSI durch die vertragliche Bindung an ICANN mittlerweile
transparenter geworden ist, gibt es in der Internet
Community nach wie ein spürbares Unbehagen über die Machtkonzentration an
dieser Stelle.
Auch
dieses Problem ist erkannt und wird vom Root
Server Advisory Committee angegangen.
Ein
weiterer wichtiger Aspekt ist das bislang weitgehend ungeklärte Verhältnis
zwischen den nationalen Domänenverwaltern, der jeweiligen nationalen Regierung
und ICANN.
Aus
technischen Gründen haben die nationalen Domänenverwalter eine Monopolposition
inne, was allein schon die Aufmerksamkeit eines Wirtschaftspolitikers erwecken
muß.
Bekanntermaßen
erfolgt die Vergabe von Domain Names
unterhalb der Country Code Top Level
Domains je nach Land nach ganz unterschiedlichen Grundsätzen.
In
Deutschland haben wir mit der DENIC eine international geachtete, ohne
staatlichen Einfluß nach liberalen Registrierungsbestimmungen tätige
Genossenschaft.
Die Frage
ist nun, ob es trotz der sehr unterschiedlichen Ausgestaltungen ein
einheitliches Konzept für die Anerkennung der nationalen Registry durch die jeweilige Regierung und letztlich auch ICANN
geben kann und geben soll.
Dieser
Thema widmen wir uns derzeit mit besonderer Aufmerksamkeit im beratenden
Regierungsausschuß von ICANN und haben hierzu ein Dokument weltweit zur
Diskussion gestellt.
Letztlich
geht es dabei auch um die Frage: Kann in Extremfällen und in Abstimmung mit
ICANN eine politisch gewollte Re-Delegation erfolgen?
Meine
Damen und Herren,
die
Bundesregierung wird sich auch in Zukunft im ICANN-Rahmen gemeinsam mit der Internet Community für deutsche und
europäische Interessen stark machen.
Spätestens
die Wahlen der At Large Membership
werden sicherlich in den Augen der breiten Öffentlichkeit das Bewußtsein für
den Zusammenhang zwischen technischer Infrastruktur und Anwendung verstärken
helfen.
Einer der
herausragenden deutschen Bundeskanzler und Staatsmänner, Willy Brandt, hat die
berühmt gewordene Forderung geprägt:
"Mehr
Demokratie wagen!"
Vor dem
Hintergrund der Möglichkeiten zur Partizipation im Internet-Zeitalter gewinnt
diese Aussage neue Aktualität.
Ich
wünsche der Veranstaltung viel Erfolg.